Wie sieht ein Tag im Hospiz aus für diejenigen, die dort die Sterbenden begleiten?

Wir haben Frau Heide Bitto gefragt, Leiterin der Hospizinitiative Advena und seelsorgliche Begleitung, wie für Sie ein "ganz normaler" Tag aussieht:

Mein Tag beginnt, als Vorbereitung auf meinen begleitenden Dienst, gegen 06:00 Uhr. Eine Morgenmeditation von fünf bis zehn Minuten ist der Anfang. Gegen 06:30 Uhr gehe ich mit meinem Hund eine Stunde durch die Natur. Es ist für mich außerordentlich wichtig, die Jahreszeiten zu erleben, den Himmel zu sehen und mich zu spüren. Wind und Wetter sind gute Begleiter.

Sonnenaufgänge und Wolkenformationen faszinieren mich jedes Mal aufs Neue. Das Geschenk, den Tag so zu beginnen, ist eine Quelle der Kraft. So kann ich dann gegen 08:00 Uhr oder 08:30 Uhr im Hospiz ankommen. Wenn ich das Haus betrete, weiß ich nie, was mich erwartet. Die Stunden der Nacht können viel Veränderung gebracht haben. Mit jedem Tag und mit jedem Raum, in den ich gehe, beginne ich immer wieder neu. Im Eingangsbereich schaue ich zunächst auf unseren "Engel der Begleitung", der eine Schale trägt. Auf dieser Schale befinden sich kleine Kerzen. Wenn eine Kerze brennt, ist ein verstorbener Mensch im Haus. Und dieses Licht brennt, solange er bei uns ist. Vor der Tür des Verstorbenen liegt eine Blume.

So ist mein erster Weg zu diesem Menschen, um mich in einem kleinen Abschiedsritual bei ihm zu bedanken für die Zeit, in der er bei uns war, und ihm einen guten Weg zu wünschen. Bei Menschen christlichen Glaubens gehören ein Gebet und ein Segen dazu. Danach schaue ich, ob alle Kerzen im Zimmer noch brennen, sonst wechsele ich sie aus. Für mich ist das Licht ein wichtiges Symbol in der Begleitung der Verstorbenen. Es soll hell sein und licht. Dunkelheit haben wir im Leben oft genug gehabt. Jetzt soll das Licht seine Strahlkraft entfalten. Eingebettet und erfüllt von diesem Licht kann ich dann auch die anderen Bewohnerinnen und Bewohner aufsuchen. Manchmal ist es nur ein zarter Händedruck, ein mitfühlender Blick, der möglich ist. Ein anderes Mal kommen wir ins Gespräch über die mehr oder weniger guten Nachtstunden, das Frühstück oder eben kein Frühstück, weil die Übelkeit da ist. Es kann auch die Frage sein "Wann kommt meine Frau oder mein Sohn", die dringlich ist. Dann versuchen wir, dies telefonisch zu klären oder, wenn ich es weiß, auf den Zeitpunkt am Nachmittag oder Abend zu verweisen, an dem der ersehnte Besuch kommt. Manchmal bedeutet diese Frage aber auch "Ich will nicht allein sein" oder "Ich habe Angst". An dieser Stelle nehme ich mir dann Zeit für ein längeres Gespräch, manchmal unterbrochen von Müdigkeit und Schwäche. Für andere ist es wichtig, ihnen frisches Wasser zu holen oder noch einen Kaffee oder Tee. Manchmal sind die Schmerzen wieder da, und wir wenden uns an die Pflege, um nachzufragen, was getan werden kann. Am Ende meines Rundgangs habe ich jedes Zimmer (wir haben insgesamt 16 Betten) aufgesucht und einen ersten Eindruck. Dementsprechend teile ich dann die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an diesem Tag kommen, ein. Wünsche, die unsere Bewohnerinnen und Bewohner haben, gebe ich weiter, z. B. Spaziergänge, Einkäufe, Vorlesen, Musik hören, einfach Dasein etc.

Danach gehe ich ins Kinderhospiz. Es ist im selben Haus, nur durch eine Tür getrennt. Bis zu zwölf Kinder können dort sein, meist jedoch sind es zwischen sechs und acht Kinder. Dort erwartet mich eine ganz andere Welt. Alle Kinder werden begrüßt Auch sie haben, wie im Erwachsenenhospiz, alle Einzelzimmer. Doch häufig sind sie auch im Aufenthaltsbereich zusammen, im Kinderwagen, im Rollstuhl, auf dem Arm von Angehörigen oder Pflegenden. Hat sich das Befinden eines Kindes verändert, sagen mir die Schwestern Bescheid. Dann ist es wichtig, mein Hauptaugenmerk auf die Eltern zu richten. Wenn ein Kind gestorben ist, biete ich immer eine Abschiedsfeier an, damit sich alle, die dieses Kind kannten, verabschieden können. Das ist wichtig, denn mit den Eltern und Verwandten haben auch die hauptamtlichen und die ehrenamtlichen Helfer/-innen am Leben und Sterben dieses Kindes teilgenommen und eine Beziehung zu diesem Kind aufgebaut. Gemeinsam mit den hauptamtlich Tätigen überlegen wir dann, wie wir diese Feier gestalten können. Ganz individuell, ganz persönlich für dieses Kind und diese Familie. Der Vormittag ist so reichlich ausgefüllt.

An zwei Tagen in der Woche fahre ich am Vormittag in unser zweites Hospiz, St. Ferrutius in Taunusstein-Bleidenstadt. Hier haben wir elf Betten. Dort besuche ich die Bewohnerinnen und Bewohner, führe Gespräche und kümmere mich um die Ehrenamtlichen, die dort ihren Dienst tun. Die Nachmittage sind gefüllt mit Gesprächen, Angehörige möchten mit mir reden, aber auch ich gehe auf die Angehörigen zu. Angehörige haben oftmals noch keine Erfahrung mit Sterben und Tod gemacht. Es ist für sie ganz wichtig, Menschen zu haben, die keine Berührungsängste haben, die wissen, was möglich ist. Sie brauchen jemanden, mit dem sie reden können über alles, was sie in dieser Krisenzeit bewegt. Manchmal ist auch ein Stück Aufklärung nötig. Vielen ist nicht bekannt, dass der verstorbene Mensch noch 36 Stunden im Hospiz (oder auch zu Hause) bleiben kann. So können sich alle, die es möchten, noch verabschieden. Das ist entlastend zu hören, um den Zeitdruck etwas herauszunehmen. Wenn sie mögen, können sie ihre Verstorbenen mit waschen und ankleiden. Sie können sie in dieser Zeit so oft besuchen, wie sie wollen. Und sie haben die Möglichkeit, den Abschied zu gestalten mit oder ohne unsere Hilfe. Dann gibt es auch Tage, da sieht meine Arbeit ganz anders aus. Dann sind Gruppen im Haus, die das Hospiz und unsere Haltung zum abschiedlichen Leben kennenlernen wollen. Die Ausbildungsgruppe für ehrenamtliche Hospizhelferinnen und Hospizhelfer läuft, und für die Ehrenamtlichen, die im Dienst sind, gibt es regelmäßige monatliche Treffen und Supervision. Palliative-care-Kurse für Pflege und Ärzte finden statt. Überall dort bin ich mit Vorträgen zum Thema Trauer und Spiritualität vertreten.

Einmal im Monat bieten wir einen Trauergesprächskreis an und in St. Ferrutius in Taunusstein ein Angehörigencafé. Es gibt zunehmend Bedarf an Trauereinzelgesprächen. Dreimal im Jahr gestalten wir Erinnerungstage für die Angehörigen der verstorbenen Menschen in unseren Häusern. Für die Kinder werden Bäumchen gepflanzt auf einem großen Waldgrundstück Einmal im Monat gibt es auch Gitarren- oder Harfenmusik in beiden Häusern. Im Kinderhospiz ist regelmäßig eine Musiktherapeutin vor Ort. An den Feiertagen wie Ostern und Weihnachten haben wir entsprechende Angebote. Der Kontakt zu den Pflegenden und den Ärzten, die ja erst einmal die Grundlage schaffen, dass unsere Angebote angenommen werden können, ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Bei Besuchen in Schulen und Kindergärten spreche ich mit Kindern über Sterben und Tod. Der Sonntagmorgen gehört den Menschen, die die Krankenkommunion empfangen möchten.

Einmal im Jahr gestalte ich die Wiesbadener Hospiztage mit, ein Fortbildungsangebot für alle, die in den Hospizen haupt- oder ehrenamtlich engagiert sind. Ich bin nun seit gut elf Jahren im Hospiz tätig, davon sieben Jahre ehrenamtlich und seit fünf Jahren hauptamtlich. Das hat mich geprägt und meine Einstellung zum Leben und zum Sterben, zu Tod und Trauer gewaltig verändert. Zunächst einmal wertschätze ich das Leben ganz bewusst. Nichts ist selbstverständlich. Eine große Dankbarkeit erfüllt mich für mein Leben. Viele Äußerlichkeiten brauche ich nicht mehr. Mein Freund/-innenkreis hat sich verändert. Gespräche und das, was ich im privaten Bereich tue, suche ich mir sehr gut aus. Das hat aber auch etwas mit dem älter werden zu tun. Es ermöglicht mir eine große Freiheit, auf Dinge zu "verzichten" von denen ich nicht überzeugt bin. Ich glaube, dass der Tod auch mir noch einmal eine andere Lebenswelt eröffnet von der ich durch das, was ich erlebe, nur eine Ahnung haben kann. Manchmal erzählen die Sterbenden etwas von dem was sie "sehen". Oft sind es gute Bilder die sie mir weitergeben, aber manchmal sind sie auch beängstigend. Meine/unsere Aufgabe ist es, die guten Bilder zu verstärken, das Bedrohliche begleiten wir, soweit es möglich ist.

Ich bin unendlich dankbar für das große Vertrauen und die Offenheit die mir entgegengebracht werden. Ich wünsche allen Sterbenden und auch mir die Zeit, die wir brauchen, um in das neue ewige Leben zu gehen.

Heide Bitto
Leiterin der Hospizinitiative und seelsorgliche Begleitung