Gefangene besuchen

Dieses Werk der Barmherzigkeit klingt nach Kaffee und Kuchen und einem herzlichen Willkommen. Sicherlich sahen die Gefängnisse zur Zeit Jesu noch weniger nach einer gemütlichen Kaffeerunde aus wie heute. Aber auch heute wird man bei einem Besuch im Gefängnis von hohen Mauern und Stacheldraht empfangen und muss sich Sicherheitsüberprüfungen unterziehen. Mir als Gefängnisseelsorgerin fällt das schon gar nicht mehr so auf. Doch es gibt Situationen, die mich immer mal wieder dafür sensibilisieren: öfters mache ich sogenannte Sonderbesuche für die Frauen. Viele Frauen im Gefängnis müssen ihre (minderjährigen) Kinder zurücklassen, bei Verwandten, in Jugendhilfeeinrichtungen, bei Pflegeeltern, ganz selten auch bei den Vätern. Besonders schlimm ist das dann, wenn die Kinder noch recht klein sind und zuvor mit ihren Müttern in enger Beziehung standen. Der erste Besuch im Gefängnis ist dann etwas ganz Besonderes. Die Kinder haben Angst, wissen nicht, was sie erwartet, haben manchmal auch schreckliche Bilder im Kopf. Viele sind auch wütend auf die Mütter, fühlen sich alleine gelassen, können sich das aber nicht eingestehen. Die Mütter sind total aufgeregt. Einerseits freuen sie sich die Kinder wiederzusehen, andererseits schämen sie sich für das, was sie getan haben, wissen nicht, wie sie ihren Kindern die Situation erklären sollen. Und Taschentücher sind bei diesen Besuchen ein wichtiges Utensil, denn es fließen viele Tränen auf allen Seiten. Und wenn man sich nach zwei Stunden wieder trennen muss, ist das auch für alle Beteiligten nicht einfach.

Trotz alledem sehe ich in der seelsorglichen Begleitung dieser Besuche eine wichtige Aufgabe für mich als Gefängnisseelsorgerin. Nach so einem Besuch ist nicht alles wieder gut. Aber die Frauen sind oft sehr getröstet und freuen sich darüber, dass es ihren Kindern unter den gegebenen Umständen doch auch ganz gut geht. Sie arrangieren sich manchmal besser mit dem Gegebenen als die Mütter das vermuten. Und die Kinder sehen, dass ein Gefängnis nicht nur ein schrecklicher Ort ist und im Besuchszimmer sogar Spielsachen da sind! Und manchmal, wenn die Kinder schon größer sind, kann auch darüber gesprochen werden, was die Mütter falsch gemacht haben und warum sie nun im Gefängnis sitzen. Das ist nicht immer einfach, aber ich denke dann oft: Menschen, die nie einen Fehler machen, sind doch auch anstrengend, vor allem Mütter (und Väter), die immer alles richtig machen und sich als großes Vorbild anbieten, können für Kinder sehr anstrengend sein.

Pia Arnold-Rammé, Gefängnisseelsorgerin im Frauengefängnis in Frankfurt-Preungesheim


Fremde beherbergen - neue Heimat erschließen - Herz bei den Armen

Nach meiner Elternzeit begann ich im September 2014 wieder meinen Dienst als Gemeindereferent in St. Bonifatius, Wiesbaden. Eine meiner ersten Begegnungen mit Menschen aus der Pfarrei war die mit Herrn D. Geflüchtet aus Syrien, war er kurze Zeit zuvor mit seiner Familie in eine Wohnung der Pfarrei eingezogen. In vielen Gesprächen erfuhr ich mehr und mehr über deren Flucht und aktuelle Lebenssituation.

Eine erzählte Begebenheit hat mich besonders berührt: Kurz nach dem Einzug in die Pfarreiwohnung musste Herr D. spät nachts zur Apotheke, um Medikamente für seine jüngste Tochter zu besorgen. In gewohnter Weise hatte der Hausmeister die Haustür für die Nacht abgeschlossen. Obwohl Herr D. einen Schlüssel besaß, traute er sich nicht, die Tür aufzuschließen. Aus Angst, etwas Falsches zu tun, ging er unverrichteter Dinge wieder in seine Wohnung. Ich war schockiert. Was muss ein erwachsener Mensch und Familienvater erlebt haben, dass er an einer verschlossenen Tür scheitert, obwohl er einen Schlüssel besitzt? Diese Begebenheit hat mich nachhaltig geprägt und wurde ein Schlüsselerlebnis für meinen weiteren Dienst in der Gemeinde. In der folgenden Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsthematik wurde mir immer wichtiger, mich mit allen Kräften des Herzens für die Belange von Geflüchteten einzusetzen. Im Auftrag des Pastoralteams und des Pfarrers ist die Flüchtlingshilfe ein wesentlicher Schwerpunkt meiner pastoralen Tätigkeit geworden.

In der Begegnung mit Geflüchteten ist die eigene Haltung von besonderer Bedeutung. Unheilvoll ist es, Geflüchtete zum Objekt (und damit zum Opfer) unserer Hilfe zu machen. Ein bevormundendes und belehrendes Verhalten, das Menschen zu reinen Hilfsempfänger macht, verhindert eine Aktivierung ihrer Selbsthilfepotentiale. Um in dem Bild von "Schlüssel und Tür" zu bleiben: Jeder Mensch hat ein Schlüsselbund von Fähigkeiten und Kompetenzen, um die Anforderungen des Lebens zu bewältigen. Wenn man als Fremder in ein fremdes Land kommt, kann nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass die bisherigen Schlüssel in all die neuen Türen und Tore passen. Es dauert eine Zeitlang, bis man den richtigen Schlüssel gefunden hat, zum Teil ist es auch notwendig, alte anzupassen oder gar neue Schlüssel herzustellen. Ich verstehe meinen Dienst so: Ich bin Menschen dabei behilflich, passende Schlüssel zu finden, um sich in einem zunächst fremden Land eigene Zugänge zu schaffen und sich damit eine neue Heimat zu erschließen. In der täglichen Begegnung mit geflüchteten Menschen wie auch im Aufbau verlässlicher Willkommensstrukturen versuche ich, dies zu berücksichtigen.

Die Pfarrei St. Bonifatius beherbergt zurzeit drei Familien mit Fluchterfahrungen. Zusammen mit Ehrenamtlichen unterstützte ich sie darin, dass sie in Wiesbaden eine neue Heimat finden. Neben der Begleitung bei Behördenangelegenheiten nutzen die Familien Sprachangebote, Hausaufgabenbetreuung und Freizeitangebote der Pfarrei. Sie sind ein Teil der Gemeinde geworden, nehmen am kirchlichen Leben teil, knüpfen soziale Kontakte, die Kinder gehen zur Erstkommunion oder werden Messdiener. Ein Stück Heimat finden seit einiger Zeit auch viele Menschen aus Eritrea am Kirchort St. Michael. Eine wachsende Gemeinde orthodoxer Christen trifft sich dort zum Gebet und zu Gottesdiensten in ihrer eigenen Sprache. Für viele ist dies ein Ort der Sicherheit und Normalität geworden, ein Ausgangspunkt, um in unserer Gesellschaft anzukommen. Solche Ausgangspunkte sind für viele Geflüchtete auch die sogenannten Begegnungscafés an drei Kirchorten der Pfarrei. Es sind Begegnungsorte für Geflüchtete und Einheimische. Sie bieten die Möglichkeit zur Begegnung, zum Kennenlernen und zur Unterstützung in Alltagsfragen.

Das Engagement der Pfarrei St. Bonifatius in der Flüchtlingshilfe lässt sich unter dem Werk der Barmherzigkeit: "Fremde beherbergen" gut zusammenfassen. Das lateinische Wort für Barmherzigkeit ist "misericordia". Darin enthalten sind die zwei Wörter: das Herz und die Armen. "Misericordia" könnte man übersetzten mit dem Satz "sein Herz bei den Armen haben". Kirchliches Engagement hat immer auch die Armen und Hilflosen im Blick. Ohne die Herzenswärme, die Liebe zu den Menschen, ist aber alles nichts. Die Liebe gibt die Perspektive vor. Menschen in den Aufnahmeeinrichtungen und Notunterkünften sind unsere Nachbarn geworden. Für sie da zu sein und ihnen Lebensperspektiven und eine Heimat zu geben, dazu drängt uns die liebende Barmherzigkeit.

Heiko Litz


Kranke besuchen

Seit fast 30 Jahren arbeite ich als Krankenschwester. Da fällt es nicht immer leicht barmherzig zu sein.

Oft werden die 7 geistigen Werke der Barmherzigkeit im Alltag gefordert:
1. Irrende zurechtweisen (nutzt meistens nichts!)
2. Unwissende lehren (löst manchmal AHA- Erlebnisse aus!)
3. Zweifelnden recht raten (Ratschläge sind auch Schläge!)
4. Trauernde trösten (geht nur durch den Glauben!)
5. Lästige geduldig ertragen (eine der größten Herausforderungen!)
6. Denen, die uns beleidigen, gern verzeihen (Mein Leitsatz: Nichts persönlich nehmen!)
7. Für Lebende und Tote beten (Arbeit ist auch eine Form des Gebetes!)

Kranke zu pflegen ist mehr, als sie medizinisch zu versorgen. Ich vertraue darauf, dass der Heilige Geist mir sagt, was zu tun ist. Oder anders gesagt ich folge meiner Intuition und Empathie. Einige Erlebnisse während meiner Ausbildungszeit prägen mich bis heute. Eine ältere krebskranke Frau fragte mich eines Tages nach Schlaftabletten, um ihrem Leben und damit auch Leiden ein Ende zu machen. Das bestürzte mich sehr. Ich kam ihrem Wunsch nicht nach, versuchte aber, ihr Leiden so gut es ging zu lindern, indem ich an die Ärzte weitergab, dass sie unter Schmerzen leide. Wir hatten dann einige tiefgehende Gespräche über Leben und Tod. Ihr dementer, aber ansonsten noch einigermaßen rüstiger Ehemann, der ebenfalls bei uns im Krankenhaus stationär lag, wurde oft von der Nachbarstation im Rollstuhl zum Besuch zu ihr herübergefahren. Bedingt durch seine Demenz konnte aber zwischen den beiden kein tiefergehender Austausch mehr stattfinden. Vielleicht zog sie mich aus diesem Grund ins Vertrauen.

Mit der Zeit ging es der Patientin immer schlechter und eines Tages, während meiner Dienstzeit, verstarb sie dann auch. Ich glaube es verging keine Stunde als ein Anruf der Nachbarstation kam, die uns Bescheid gab, dass der Ehemann unserer Patientin soeben völlig unerwartet verstorben sei.

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als die, die man sieht!

Noch heute liegen mir die Sterbenden besonders am Herzen. Es kostet mich inzwischen keine Überwindung mehr, den Tod als Erlösung anzunehmen und auch den Angehörigen zu widersprechen, die oft Sätze wie: " Das wird schon wieder!" zu ihren Liebsten sagen, obwohl alles dagegenspricht. Ich versuche ihnen näher zu bringen, dass diese letzten Momente mit dem Sterbenden auch ein Geschenk sind. Sie bieten die Chance, Abschied zu nehmen und sich vielleicht zu bedanken oder auch zu verzeihen. Schwer auszuhalten ist es für mich, wenn die Angehörigen diese Chance zum Abschied nicht nutzen möchten. So versterben immer wieder Patienten alleine, trotz Bitten und Aufrufen, den Kranken zu begleiten. Wenn die Angehörigen wüssten, wie sehr sie sich selbst damit bestrafen! Denn alle Vorstellungen, die sie sich selbst machen, sind schlimmer als die Wirklichkeit! Durch dieses Vermeiden kann die Trauer oft nicht richtig verarbeitet werden und die Gedanken daran belasten lange Zeit. Leider ist die Personalsituation oft so, dass nicht die Zeit bleibt, sich ans Bett eines Sterbenden zu setzen. Die anderen Patienten müssen ja auch versorgt werden! In solchen Situationen fühle ich mich oft hin- und hergerissen und handle nach Prioritätenliste. Es ist schade, dass die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen wie Zuwendung und Nähe, Faktoren wie Wirtschaftlichkeit und Kosteneffizienz unterworfen sind! Lebt doch der Mensch nicht vom Brot (und der CT-Untersuchung!) allein! Hier lautet doch die Frage: Was ist uns unsere Menschlichkeit wert?

Oft bekomme ich von Patienten oder Angehörigen zu hören: "Schwester, was sie hier leisten, dass könnte ich nicht." Wahrscheinlich konnte ich mir mein Berufsethos nur bewahren, weil ich nur in Teilzeit arbeite und so immer wieder größere Phasen der Erholung und Reflexion habe. Wenn ich mich morgens um viertel vor fünf für den Frühdienst aus dem Bett quäle, belohnt mich manchmal ein schöner Sonnenaufgang fürs frühe Aufstehen. Besonders strapaziös ist das Ganze, wenn ich am Vortag erst gegen 21 Uhr oder je nach Arbeitsaufkommen noch später vom Dienst nach Hause komme. Aber Krankenschwestern sind ja besondere Menschen, die eine Ausnahmegenehmigung von den Arbeitsschutzbestimmungen bezüglich der Ruhezeiten haben. Gott vergelt`s!

Erfüllend ist für mich zusehen, wie ich Menschen ein Gefühl der Geborgenheit verschaffen kann, indem ich ein Lied mit ihnen singe oder ein Gebet mit ihnen spreche. Wieviel Licht und Dankbarkeit strahlt mir dann entgegen! Das sind Momente, in denen ich von mir selbst weggehe, hin auf den Anderen zu. Es stellt sich mir oft die Frage: Wie könnte ich dem Anderen jetzt etwas Gutes tun und dies so ganz nebenbei noch rationell in die Pflege (zum Beispiel das Wechseln einer Inkontinenzschutzhose, Fachausdruck für Windel) integrieren?

Auch wenn ich einem Menschen, der alleine nicht mehr richtig zurechtkommt, ein Fußbad oder eine Dusche anbiete und den seit Wochen nicht mehr entfernten Schmutz in den Zehenzwischenräumen (oder sonst wo) entferne, denke ich: Christus hat Dich jetzt als Werkzeug benutzt! So gelingt es mir auch, unangenehme Dinge zu ertragen. Dadurch erfüllen sich durch mich immer wieder die Worte dieses Gebetes aus dem 14. Jahrhundert:

"Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.

Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.

Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.

Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen."

So kann ich für mich sagen: Die Liebe Christi drängt mich Werke der Barmherzigkeit zu tun.

Theresa Zimmer


Nackte bekleiden

Im März 2001 eröffnete der Caritasverband Rheingau-Untertaunus in Taunusstein-Wehen in den Räumen des katholischen Bezirksamtes die Verleihbörse für Kinderwagen und Kindermöbel. 2008 zog die Börse in die heutigen Räume in Bad Schwalbach, Bahnhofstraße 25, um.

Entstanden ist die Idee für das "Nesthäkchen" aus der "Aktion Konfliktberatung". Im Bemühen, den damaligen Limburger Bischof Franz Kamphaus mit seiner Position zur Schwangerenkonfliktberatung zu unterstützen, war man sich einig, dass neben der Beratung der schwangeren Frauen auch konkrete Hilfsangebote entwickelt werden sollten.

Feingefühl und Sensibilität verlangt die Mitarbeit im "Nesthäkchen", das heute die Bezeichnung "Rund um Familie - Caritasladen" trägt. Denn geholfen werden soll jeder Schwangeren und Alleinerziehenden, die den Weg zu uns findet. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde der Personenkreis auch auf Familien ausgedehnt.

Da ich beruflich in einem katholischen Kindergarten tätig war und dadurch mit den vorkommenden Problemen vertraut, war es für mich wichtig, aus meiner christlichen Überzeugung heraus die betroffenen Personenkreise durch meine Mitarbeit und Hilfe zu unterstützen.

Meine Tätigkeit im Caritasladen soll dazu beitragen, dass die meistens sozial benachteiligten Familien ihre Kinder mit geringen Eigenmitteln "anständig" kleiden können. Mit anderen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen werde ich nach einem Dienstplan eingesetzt und leihe die gespendeten Gegenstände "rund ums Kind" gegen eine Leihgebühr aus.

Unser Angebot umfasst: Babykleidung, Kinderkleidung, Schuhe, Bettwäsche, Handtücher, Bademäntel, Strümpfe, Hausschuhe, Schals, Mützen, Jacken, Handschuhe, Strumpfhosen (Größen 50/56 - 164, sowohl Frühjahr-, Sommer-, Herbst-und Winterkleidung).

Die vorhandenen Kleidungsstücke werden gegen eine kleine Spende abgegeben. Besonders Bedürftige erhalten eine entsprechende Ermäßigung. In Notfällen (Frauenhaus) wird die Kleidung auch kostenfrei abgegeben.

Seit Anfang des Jahres hat sich der Personenkreis um die Flüchtlinge erweitert.

Die Barmherzigkeit bei dieser Aufgabe liegt für mich im Helfen und der Unterstützung von Bedürftigen, auch in Form der Beratung "rund um die Kinder" (Erziehungsfragen, altersgerechtes Spielzeug, manchmal einfach nur zuhören, Trost und Hoffnung spenden).

Armut hat viele Gesichter in einer oft gottentfremdeten Zeit.

Mein Ehrenamt macht mir sehr viel Freude.

Helene Andrä


Ruf nach Wasser oder wir müssen den Durstigen zu trinken geben!

Wasser ist Leben. Wasser ist Menschenrecht. Die Realität ist eine andere: Laut Resolutionstext der Vereinten Nationen von 2009 haben ca. 783 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 2,6 Milliarden Menschen leben ohne jedwede sanitäre Grundversorgung. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO beläuft sich weltweit die Zahl der jährlichen Toten in Folge von unsauberem Trinkwasser und schlechten hygienischen Bedingungen auf acht Millionen Menschen, davon 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Momentan leiden weltweit bereits mehr als eine Milliarde Menschen unter extremer Wasserknappheit, nach Schätzungen der OECD wird es im Jahr 2030 die Hälfte der Weltbevölkerung sein. Und so betont auch Papst Franziskus in seiner Sozialenzyklika "Laudato si", dass sauberes Trinkwasser eine Frage von vorrangiger Bedeutung ist (vgl. Ziff. 28). Am Zugang zu Wasser zeigen sich die tiefen sozialen Spaltungen unserer Welt, die Verteilungsungerechtigkeiten. Die Wasserfrage ist in den armen Ländern dieser Welt alltägliche Erfahrung und existentielle Herausforderung, aber die Wasserfrage ist auch in den reichen Ländern angekommen. In Kalifornien herrscht seit Jahren Dürre, die von Menschen verursachten Verschmutzungen des Wassers dieser Erde nehmen zu. Der Zugang zu leicht zu erschließenden Wasservorräten wird enger bei gleichzeitigem Anstieg des Wasserverbrauchs. Wasser wird immer mehr zur Handelsware, in Plastikflaschen abgefüllt und gewinnbringend verkauft, an den Börsen gehandelt.

Wenn wir den Durstigen jetzt und zukünftig zu trinken geben wollen, bedarf es grundlegender Veränderungen unserer Wirtschafts- und Lebensweise. Wasser muss weltweit dem privaten Eigentumsrecht entzogen werden. Die Gewohnheitsrechte der Armen sind zu stärken. Wir brauchen einen bewussten Umgang mit Wasser. Persönliche Verhaltensänderungen sind ein erster Schritt in die richtige Zukunft, aber es braucht darüber hinaus das politische Engagement sozialer Bewegungen, systemische Veränderungen einzuleiten. Es geht um Gerechtigkeit. Und wie Papst Franziskus betont sind Barmherzigkeit und Gerechtigkeit "zwei Dimensionen einer einzigen Wirklichkeit".

Mechthild Hartmann-Schäfers

Die Stiftung Zukunft der Arbeit und der sozialen Sicherung möchte mit ihrem kritischen Projekt "Wasser ist Leben" dazu anregen, sich mit der Wasserfrage auseinander zu setzen und aktiv zu werden. Mehr Informationen unter: www.stiftung-zass.de


"Die Hungrigen speisen" - Meine Arbeit bei der Taunussteiner Tafel

Im Januar 2008, nach 28 beruflichen Jahren, startete meine neue Lebensphase "Ruhestand"; doch schnell verwandelte sich der sogenannte Ruhestand in einen umtriebigen "Un-Ruhestand".

Bei einer Wanderung mit der Taunussteiner Wandergruppe des Seniorenkulturkreises erzählte mir voller Begeisterung eine Bekannte von ihrer Arbeit bei der relativ neu errichteten Taunussteiner Tafel und dass dort dringend neue Mitstreiter/-innen gesucht würden. Sie berichtete mir von der sinnvollen Arbeit dort, von den netten Kolleginnen und Kollegen und von den dankbaren "Kunden", die wöchentlich zu der Tafel kommen.

Ihre Ausführungen haben mich so sehr beeindruckt und motiviert, dass ich mich sehr schnell entschlossen habe, mich bei der Tafel als ehrenamtliche Mitarbeiterin anzumelden.

Seit Sommer 2008 bin ich nun aktiv bei der Taunussteiner Tafel, die mit der Bad Schwalbacher und Idsteiner Tafel unter der Trägerschaft der Diakonie in Bad Schwalbach steht. In Taunusstein versorgen wir 167 Haushalte an zwei Tagen, zwei verschiedene Gruppen: dienstags 79 Haushalte, freitags 88. Manche Haushalte mit 3, 4 oder 5 Kindern!

Wir sortieren die gelieferten Waren - Obst, Gemüse, Brot, Molkerei-Produkte -, ordnen sie in Kisten (Obst und Gemüse), in Regalen (Brot) oder im Kühlregal (Molkereiprodukte, Wurst, Käse), alles gut überschaubar und ordentlich im Ausgaberaum, denn hier soll der Kunde sich wohl fühlen.

Diese Arbeit fällt oft richtig schwer, aber es ist immer wieder wohltuend, zu sehen, wie dankbar und froh die meisten Kunden sind, und das gibt einem immer wieder Kraft und Ansporn, weiterzumachen.
"Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann...", hat Dietrich Bonhoeffer 1944 in einem Brief aus der Haft geschrieben. Und so fühlen wir uns am Ende eines Ausgabetages - total geschafft aber glücklich und erfüllt.

Dass diese Arbeit bei der Tafel gut in Zusammenhang zum ersten Werk der Barmherzigkeit "Hungrige speisen" gebracht werden kann, darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht - dieser Aspekt gefällt mir.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass die Tafeln dazu beitragen, wertvolle Lebensmittel vor der Vernichtung zu bewahren - für die Umwelt ein sehr wichtiger Beitrag.

Für mich ist es wichtig zu erleben, dass mein Engagement dazu beiträgt, bedürftigen Menschen zu helfen, sowohl materiell bei der Austeilung von Lebensmitteln als auch seelisch psychisch mit einem Lächeln, einem freundlichen Wort, im Gespräch.

In diesen sieben Jahren meiner Tätigkeit bei der Tafel habe ich so viele wertvolle Menschen kennengelernt, Freundschaften sind entstanden, viele frohe Stunden haben wir miteinander verbracht, dies alles trägt bei, diese zwei Tafel-Tage in der Woche als für mich sehr wichtige Tage zu bezeichnen! Ich möchte sie nicht missen!

Ich danke Gott, dass es mir gesundheitlich gut geht und hoffe, dass ich noch viele Jahre bei der Tafel mitarbeiten kann!

Teresa Schumacher