Jetzt, da ich alt/Älter werde . . .

"Welche Bibelstelle ist Ihnen wichtig geworden jetzt, da Sie alt/älter sind? Und was bedeutet diese Bibelstelle für Sie? Im Jahr des Glaubens, Dezember 2012 bis November 2013, haben 12 Frauen und Männer auf diese Frage eine Antwort gegeben.


Text November

Meine Bibelstelle: Kohelet 3,1-8

1 Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:
2 eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen,
3 eine Zeit zum Töten / und eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen,
4 eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz;
5 eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
6 eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten / und eine Zeit zum Wegwerfen,
7 eine Zeit zum Zerreißen / und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden,
8 eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden.

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart

 

Wie oft hat dieser Text mich in meinem Leben schon begleitet, bewegt, wie dicht war er dran.
An dem Tag, als meine Schwiegermutter von uns gegangen ist, hatte diese Kohelet-Stelle ihren Platz in der Liturgie. "Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben." Besonders nah erfahren habe ich diese beiden Seiten unseres Lebens, als einen Tag vor der Hochzeit eines unserer Söhne meine Mutter starb - ganz plötzlich und unerwartet. Als mein Mann vor sechs Jahren von uns ging, kündigte sich in jenen Tagen das vierte Enkelkind an. Leider konnte ihn diese Nachricht nicht mehr erreichen.

Alles hat seine Stunde, alles hat seine Zeit. Wie oft ist es doch so, dass die eigenen Pläne nicht so laufen, wie man es sich vorstellt, es wünscht?
Die Frage ist dann, wann muss, kann ich selbst handeln, wo abwarten? Ich bin ja auch selbst verantwortlich für meine Lebensgestaltung, mitverantwortlich für die meiner Familie, meines Umfeldes.
Ganz konkret habe ich es für mich erlebt, als ich an einem Seminar für Bewegung und Tanz teilnehmen wollte und es dann nicht möglich war - erst über ein Jahr später.
Im Nachhinein zeigte es sich dann, dass sich das Warten für mich mehr als gelohnt und sich für mich viel Neues eröffnet hatte. Mein Weg hätte sich sicher nicht so entwickelt, wie es jetzt war, und ich kann sehr dankbar dafür sein.

"Eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz." Tanz ist für mich auch zum Beten mit den Füßen geworden, und ich darf dies mit vielen anderen teilen: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum!"
Je mehr ich mich mit den einzelnen Aussagen des Textes auseinandersetze, desto mehr wird mir bewusst, wie bedeutsam sie für mein Leben sind: z. B. Abreißen und Wegwerfen - Loslassen kann schmerzen, aber auch ganz neue Dimensionen und Möglichkeiten eröffnen, gesunde Distanzen schaffen.

Immer wieder zeigte es sich im Laufe des Älterwerdens: so, wie manche Pläne und Entscheidungen sich entwickelt haben - es war gut so!
"Meine Zeit liegt in deinen Händen."

Margareta Eichhorn


Text Oktober

Ich blicke zurück - und schaue nach vorn ...

Ps. 121, 1+2 "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat."
Ps. 34, 3 "Meine Seele rühme sich des Herrn; die Armen sollen es hören und sich freuen."

Chassidische Geschichte: "Für wen gehst Du?" (Martin Buber)

Wenn ich in Ruhe zurückschaue auf meinen Lebensweg, dann gibt es zwei größere Abschnitte in meiner Lebensgeschichte: die Zeit des vollen Laien-Daseins (bis etwa zur Lebensmitte) und
die Zeit meines Ordensfrau-Seins, die ich noch durchleben und gestalten darf.

Die oben angeführten Verse aus zwei verschiedenen Psalmen und das Thema der Chassidischen Geschichte sind für mich wie ein roter Faden, eine Leitlinie, eine Spur, ein Geländer - ja, ein Motiv und eine Motivation.

Den Psalm 121 wählte ich schon als Schülerin, als wir im Religionsunterricht irgendeinen Psalm auswendig lernen sollten. In der sich anschließenden Zeit in der Jugendarbeit (St.-Georgs-Pfadfinderinnen) und in 25 Jahren Schuldienst (dort auch besonders im Religionsunterricht und in der Sakramenten-Katechese) durfte und konnte ich mich so oft erinnern an die ersten zwei Verse meines Psalms. Großes Vertrauen, Hoffnung und Hilfe erwuchsen mir und ließen mich zuversichtlich - auch in teils schwierigen Situationen - meinen Weg weitergehen.

Und ER ging mit!

Als ich etwa in der Lebensmitte spürte, mein Dasein und Sosein reichen mir nicht, ich möchte etwas mehr aus meinem Leben machen, intensiver mein Leben gestalten, wuchsen in mir der Wunsch und später die Entscheidung, in eine Ordensgemeinschaft einzutreten. Ich wählte die apostolische Gemeinschaft der Pallottinerinnen, einen Missionsorden.
"Ich gehe ins Kloster, um wieder hinauszugehen!"
Nicht die Selbstheiligung oder Vervollkommnung waren mein vordringlichstes Ziel, sondern in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten in tiefere Religiosität einzudringen und miteinander das Leben spirituell zu gestalten. Aus dieser Erfahrung und mit diesem persönlichen Reichtum wollte ich auf jeden Fall wieder "hinausgehen" zu den Menschen, um mit und unter ihnen zu leben und mit ihnen "den Glauben zu mehren, die Hoffnung zu stärken und die Liebe zu entzünden". (Vinzenz Pallotti).

Daraus erwuchs - nach drei Jahren Ordensausbildung - zur ersten Profess die Wahl des Profess-Spruchs: "Meine Seele rühme sich des Herrn; die Armen sollen es hören und sich freuen", oder im heutigen Deutsch: "Was ER getan hat, will ich rühmen. Hört es, ihr Unterdrückten, und freut euch!" (Psalm 34,3) "Die Freude an Gott, halleluja, ist unsere Kraft, halleluja!" Dankbarkeit für den Ruf Gottes an mich und Freude über meine Berufung wurden zu meiner Kraftquelle auf dem neuen Weg.
In meinem Dienst als Seelsorgerin zunächst im Altenheim der Gemeinschaft in Refrath und später als Klinikseelsorgerin in den Uni-Kliniken Bonn durfte ich die Begegnung, das Mitgehen, das Leben mit und unter den Menschen verwirklichen. Wie oft versuchte ich, den durch Krankheit Belasteten und den vom Tod Bedrohten Trost zu schenken im Mittragen ihrer Not.

Jetzt, in meinem Einsatz im Exerzitienhaus der Gemeinschaft in Limburg, hielt ich in diesen Tagen einen OASENTAG mit Menschen, ganz unterschiedlich in Alter, Herkunft, Berufstätigkeit oder Ruhestand, zum Thema:
"Für wen gehst Du?" (Chassidische Geschichte)
In Robschitz, Rabbi Naftalis Stadt, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Rande der Stadt lagen, Leute zu dingen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali sich eines Abends spät am Rande des Waldes erging, der die Stadt säumte, begegnete er solch einem auf und nieder wandelnden Wächter. "Für wen gehst du?" fragte er ihn. Der gab Bescheid, fügte aber die Gegenfrage daran: "Und für wen geht Ihr, Rabbi?" Das Wort traf den Zaddik (den Gerechten) wie ein Pfeil. "Noch gehe ich für niemand", brachte er mühsam hervor, dann schritt er lange schweigend neben dem Mann auf und nieder. "Willst du mein Diener werden?" fragte er endlich. "Das will ich gern", antwortete jener, "aber was habe ich zu tun?" "Mich zu erinnern"; sagte Rabbi Naftali. (Martin Buber)

In der Auseinandersetzung mit dem Text spürte ich persönlich sehr deutlich, dass ich "für IHN, für den Herrn" gehe und unterwegs bin zu und mit den Menschen, dass meine Berufung sich ausprägt in meiner Sendung, dass sie meine Identität und meinen Selbstwert wesentlich ausmacht.
Als Christin möchte ich Zeugnis geben für meinen Glauben und dazu täglich aus Gebet, Meditation, Liturgie Kraft schöpfen zu diesem Leben in Seinem Dienst unter den Menschen.
Und ich will mich selbst und andere immer wieder daran erinnern, es mir und ihnen ins Gedächtnis und ins Herz zurückrufen, dass ER uns sendet.
Und eigentlich geschieht dieser Ruf, dieser Auftrag Gottes, für jeden Menschen, der spürt, dass seine Talente (welche auch immer) ihm gegeben sind zur Begegnung mit den Bedürfnissen der Mitmenschen - nah und fern.

In diesem Sinn wünsche ich allen, die meine Zeilen entdecken und lesen, das tiefe Gespür für und die Erinnerung an ihre je eigene Berufung und Sendung. Gottes Segen und Sein Geleit für Ihren Weg!

Sr. Margret Harbaum SAC


Text September

Psalm 18
Ein Danklied des Königs für Rettung und Sieg

Vers 29
Du, Herr, lässt meine Leuchte erstrahlen, mein Gott macht meine Finsternis hell. Vers 30
Mit Dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.

Diese beiden Psalmverse aus dem Alten Testament begleiten mein Leben inzwischen seit mehr als 30 Jahren.

Für mich entdeckt habe ich sie im Rahmen einer beruflichen Weiterbildung. Es ging um das Thema Bibelarbeit und darum, in welchen Texten der Heiligen Schrift wir ganz persönlich Ansätze finden, die uns dabei helfen können, mit Schwierigkeiten in unserem beruflichen Alltag besser umzugehen.

Ich bin an diesen beiden Psalmversen "hängen geblieben". Es spricht so viel an Ermutigung, Vertrauen und Freude aus ihnen. Sowohl im beruflichen Kontext als auch im privaten Bereich haben sie mir ein Stück Hoffnung gegeben und mich durch schwierige Zeiten hindurch getragen. Lebensfreude im Überschwang und Dankbarkeit lassen mich mitunter buchstäblich Mauern überspringen. Erst recht, wenn ich mich in eine Sache mit meiner ganzen Person eingeben kann!

Selbstverständlich haben sie auch meinen beruflichen Abschied aus dem Bistum begleitet. Ich trage sie weiterhin in mir. Sie sind und bleiben mir Wegbegleiter in guten wie in schweren Tagen!

Peter Eisner



Text August

Die Liebe ist der Weg... (Mt 22, 35-40)

35Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn:
36Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
37Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.
38Das ist das wichtigste und erste Gebot.
39Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
40An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.(1)

Mit Beginn der Rente hat eine neue Zeit für mich begonnen. Menschen, die mich noch aus der hauptamtlichen Seelsorgearbeit kennen, fragen jetzt öfters: "Wie geht es dir?" und "Was machst du nur den ganzen Tag?" Schmunzelnd antworte ich: "Ich bin glücklich, mal nichts machen zu müssen! Nicht mehr jeden Morgen nach einem schnellen Frühstück den Rucksack packen zu müssen, mit einem vollen Terminkalender, mit dem kleinen Empfangsgerät der Rufbereitschaft und einem Stoß Schulungsmaterial, das ich für die Ausbildung ehrenamtlicher Seelsorger/-innen benötigt habe, mich nicht mehr rasch auf dem Weg machen zu müssen. Dank meines Alters darf ich mir jetzt nach dem Aufstehen Zeit nehmen, die morgendliche Stille zu genießen, auf meinen Atem zu achten, meinen Körper achtsam wahrzunehmen, Gott zu danken und zu loben für den neuen Tag."

Es ist jetzt wunderbar für mich, die freie Zeit nach meinen Wünschen gestalten zu dürfen, eine Zeit, die ich als ein Geschenk des Alters erachte. Eine frühe Botschaft meines Vaters hat mich mein ganzes Leben lang begleitet: "Gregor, wer schreibt, der bleibt!" Ich habe nach schwerer Krankheit mit 16 Jahren begonnen, Tagebuch zu schreiben, zu einer Zeit, als ich noch als Postjungbote in der Ausbildung stand. Als junger Mann vertraute ich auch später die Erfolge und Misserfolge während der fünf Jahre am Abendgymnasium meinem Tagebuch an. Stets im Dialog mit Gott, von dem Jesus kündet, er sei die Liebe, und dem ich immer wieder dankte für die geschenkte Kraft, wenn ich in schweren Lebenskrisen am Boden lag. Diese Gottesliebe erfuhr ich als Briefträger in der Obdachlosensiedlung der Vorstadt, als Hilfsarbeiter in einer Anstreicherkolonne in Frankreich oder auf einer Kinderstation an vielen Sonntagen während meines Theologiestudiums in Freiburg. Die Menschen, denen ich dort begegnet bin, blieben mir Lehrmeister/-innen. Sie wurden mir zu Vorbildern und Heiligen, die mein Leben bereicherten.

Mich selbst lieben zu dürfen, diesen Aufruf des Liebesgebots nach Matthäus 22, 39 erfuhr ich Anfang der 1980er Jahre als Seelsorger durch Männer und Frauen auf der AIDS-Station, die mir kurz vor ihrem manchmal qualvollen Sterben ihre Lebensgeschichten anvertrauten. Sie beauftragten mich, ihre Biographien aufzuschreiben mit den Worten: "Schreiben Sie für uns, unsere Hände haben nicht mehr die Kraft dazu, schreiben Sie über Ihre Freundschaft zu uns, dadurch sorgen Sie auch für sich selber!" So entstand mein erstes Buch "AIDS-Station", in dem ich tagebuchartig alle schönen wie schrecklichen Erlebnisse auf der Infektionsstation der Universitätsklinik aufzeichnete und so innerlich verarbeiten konnte. Dank der kostbaren Lebenszeugnisse erinnert mich dieses Buch heute an viele wunderbare Menschen, die damals aus Angst von vielen ihrer Mitmenschen wie Aussätzige und Ausgestoßene behandelt wurden. Man sah in ihnen nicht Kranke, sondern Quellen der Ansteckungsgefahr.

Neben meiner Arbeit als Krankenhausseelsorger und Ausbilder habe ich in meiner knapp bemessenen Freizeit immer Zeit gefunden, über aus meiner Sicht wichtige Themen ausführlich zu schreiben. So entstand ein Buch zur "Geschichte der ökumenischen Krankenhausseelsorge" und zuletzt eine Publikation über eine kleine Gottesdienstgemeinschaft gleichgeschlechtlich liebender Männer und Frauen, die sich seit 22 Jahren in der Kirche Maria Hilf im Frankfurter Gallusviertel zum Sonntagsgottesdienst treffen. Ich fühle mich dieser Gemeinschaft eng verbunden und bin sehr dankbar, dass es diesen Ort gibt, wo Menschen und ich selbst Kraft für ihren harten Alltag finden, Freundschaft, Partnerschaft und Gemeinschaft leben, Fürbitte halten und sich in Gotteslob und -dank mit allen Christen weltweit verbunden fühlen. Auch wenn die Amtskirche Schwierigkeit mit gläubigen, gleichgeschlechtlich lebenden Menschen hat und sie eher an den Rand der Kirche drängt, als sie in aller Öffentlichkeit willkommen zu heißen, ist die Kirche Maria Hilf ein hoffnungsreicher Ort, offen für alle Gläubigen egal welcher Lebensform, Hautfarbe oder sexuellen Identität. Sie verwirklicht Solidarität mit den Fremden, den Ausgegrenzten, den geistig, seelisch und materiell Bedürftigen. Hier wird der Glaube gelebt!

Ich freue mich, dass ich nun genügend Zeit haben werde, um viele Menschen für dieses Gottesdienstprojekt anhand meines dritten Buches: "schwul + katholisch - Eine christliche Gottesdienstgemeinschaft" zu begeistern. Der Limburger Altbischof Franz Kamphaus hat diese kleine Gemeinschaft nicht nur kirchenrechtlich unter dem Namen: "Projekt: schwul und katholisch in der Gemeinde Maria Hilf" abgesichert, sondern bei einem seiner Besuche auch die Hoffnung ausgesprochen, dass sie mit Hilfe des Heiligen Geistes Fortbestand haben möge.

Kraft der gelebten und erfahrenen Liebe habe ich jetzt Zeit, in Ruhe zu schreiben, dies sind jetzt die Geschenke des Alters!

Dr. Gregor Schorberger

(1) Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart


Text Juli

 

Eine Bibelstelle, die mich schon lange Jahre begleitet

Ja, sie scheinen immer wieder auf: die feinen, einfachen Bilder, versteckt in den Versen 1 bis 34 im 12. Kapitel des Lukas-Evangeliums.

6Verkauft man nicht fünf Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch vergisst Gott nicht einen von ihnen.
7Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.
24Seht auf die Raben: Sie säen nicht und ernten nicht, sie haben keinen Speicher und keine Scheune; denn Gott ernährt sie. Wie viel mehr seid ihr wert als die Vögel!
27Seht euch die Lilien an: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. 28Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!

Der kleine Spatz, billige Einlage für ein Süppchen; aber es müssen schon fünf sein, damit es wird: er ist nicht vergessen. - Meine grauen Haare auf dem Kopf: jedes ist so wichtig (?), dass es registriert ist (!). - Die frechen, ungeliebten Rabenvögel: sie sind wohlversorgt. - Die wilden Lilien, zu nichts nutze, ihre Zwiebel unverträglich: Aber sie sind mehr als schön (und halten und wachsen lange in der Vase). - Das wuchernde Gras: gut nur für ein schnelles Feuer zum Backen der Fladen. Und doch: es lebt aus einer inneren Kraft - unverwüstlich (zum Leidwesen des Kleingärtners) ... Wen kümmern sie?
Dazwischen die kurze Geschichte vom Kornbauern, der seine eigene Welt macht: unermüdlich, strebsam und fleißig. Und dann bleibt ihm über Nacht die Luft weg, geht ihm der Atem aus . . .

Solche Bild-Geschichten, sagt man, hat Jesus erzählt und hat so ganz anschaulich den Grund und Zusammenhalt der Welt gezeigt und Sinnen fällig sinn-voll gemacht. Es wird sich gekümmert. So hat er einfach geglaubt: An den, der ist und da sein wird - unveränderlich und doch wirkmächtig - sorgsam sorgend - auf alles bedacht - in allem und um alles - nichts lässt er verloren gehen - anwesend in Freud und Leid.
Solch einfaches Denken macht auch mich immer wieder mutig, auf die kleinen und feinen Strukturen in dieser Welt zu schauen. Immer wieder erstaunt es mich, wie das alles so funktioniert und passt. Wann weiß die Amsel, dass sie mit dem Nestbau beginnen soll? Wie findet der Reiher sein Fressen für den ganzen Tag und der Falke die Maus? Warum gibt es die winzigen Fliegen, und warum treffen sie gerade mein Auge beim Radfahren. Ich brauche sie nicht... Aber auch sie sind da und geben ihren Anteil zur Fülle des Lebens. Und jedes Jahr plagen mich die Schnaken...
Viel besser: die jungen und sorglosen Menschenkinder, die nicht nur schön sind, sondern es auch wissen... Der "neue" Winzling in der Nachbarwohnung: Lotta - ein Wonneproppen. Es ist so wundersam und wunderbar - das Leben. Leben könnte, kann so einfach sein. Es will nur gefunden werden. Es reicht, die Augen aufzumachen, hinzuschauen und dem zu vertrauen, was man sieht: es wahr-nehmen mit allen Sinnen (Mehrzahl von Sinn?). Hinhören, schmecken, fühlen, riechen und begreifen. Leben in seiner Fülle und Vielfalt. Allein hier auf und in unserer Welt. Dann kommt noch der weite Sternenhimmel dazu... ein eigenes Werk.
Im Vertrauen auf den festen Grund des Lebens, gegründet in GOTT hat Jesus gelebt - sicher nicht ohne Sorge um das tägliche Brot, aber in maßvoller Sorge sorglos. Ihm ging nie - selbst am Ende nicht - die Luft aus...
22Und er sagte zu seinen Jüngern: Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt.
23Das Leben ist wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung.
29Darum fragt nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt, und ängstigt euch nicht! 30Denn um all das geht es den Heiden in der Welt. Euer Vater weiß, dass ihr das braucht.
31Euch jedoch muss es um sein Reich gehen; dann wird euch das andere dazugegeben.
32Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.

Die Stelle begleitet mich, klingt durch wie ein Cantus firmus oder ein Orgelton. Ab und zu und immer öfter kommt das Vertrauen auf das Leben durch: Ich bin geborgen, eingebunden in seine Fülle.

Paul Hellenbart

Bibeltexte: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart


Text Juni

Von der Sonne und dem Regen

Ich gebe zu: Die Versuchung ist groß, im Alter Bilanz zu ziehen und zu fragen: Was habe ich eigentlich bewirkt, erreicht, bewegt, verbessert? Mehr als 40 Jahre Dienst als Priester in unserer Kirche liegen hinter mir.

Ungezählt die Gottesdienste sonntags wie werktags, die Predigten, die Kinder-, Jugend-, Erwachsenen-, Altenarbeit, die Seelsorgekontakte rund um Trauung, Taufe, Erstkommunion, Firmung, Beerdigung, Beicht- und Glaubensgespräche, Religionsunterricht, Sitzungen der Gremien, eben: Leib- und Seelsorge.

Jetzt im Ruhestand, der gottlob mehr ist als Ruhe und (Still-)Stand, wird mir der Blick für die manchmal übergroßen Herausforderungen an Glaube und Kirche geschärft.

Redeten wir gestern noch vorsichtig vom "Verdunsten" des Christlichen in unserer Gesellschaft, haben wir heute unübersehbare Traditionsabbrüche festzustellen. Formen, die uns geprägt haben, passen längst nicht mehr "in die Zeit", was früher selbstverständlich war, ist heute weitgehend unbekannt. Ja, so reden die Alten: pessimistisch, enttäuscht, resigniert.

Welches Schriftwort bietet sich also an? Das harte Wort von der Axt, die an die Wurzel des Baumes gelegt ist? Der Verweis auf den Ort, an dem Heulen und Zähneknirschen herrschen? Die Rede von der Tür, die für die zu spät Kommenden endgültig verschlossen bleibt?

Weit gefehlt!

Ein Wort Jesu aus der Bergpredigt deutet mir mein Gestern, Heute und Morgen. Es ist ein weitendes, befreiendes, entlastendes Wort:

Euer Vater, der in den Himmeln, lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und regnen auf Gerechte und Ungerechte. (Mt 5,45)

Und bei Lukas heißt es noch provokativer: Der Höchste ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. (Lk 6,35)

Unser Gott ist ein Gott der bedingungslosen Liebe für alle "seine" Menschen mit ihrer Suche und Sehnsucht nach Sinn und Glück, nach Gelingen und Erfüllung, zuweilen auch in Fragen, Schreien und Klagen.

Das Sonne-und-Regen-Wort ist entlastend zuallererst für mich mit meinen hellen und dunklen, meinen guten und bösen Seiten. Was erkaltet ist, wird von IHM erwärmt. Was finster in mir ist, wird von IHM zutage gefördert und erhellt. Was vertrocknet, verhärtet und unfruchtbar ist, wird von IHM gewandelt, damit Leben wieder fließen kann. Was noch nicht reif ist, noch nicht er-wachsen ist, wird von IHM in einem (lebens)langen Prozess zur Reife gebracht. Solange ich lebe, darf ich mich unter Seiner Sonne und Seinem Regen entwickeln und so zur Reife gelangen.

Diese Sonne-und-Regen-Botschaft gilt allen Menschen, also auch denen, die mir begegnet sind und die mir heute noch begegnen werden. Lange bevor ich anfange, eine Beziehung zu knüpfen, zu reden, zu (er)klären, zu predigen, auch zu kritisieren, hat Gott diesen Menschen auf Seine Weise längst erreicht. ER ist es, der Leben schenkt und Reifung, Wachstum, Aufweichen von Verhärtungen, Wandlung von Dunkelheit in Licht.
Diesen Glaubensoptimismus, der den herkömmlichen Kirchen- und Glaubenshorizont weitet, finde ich im 2. Vatikanischen Konzil. In einem der Eucharistie-Hochgebete beten wir daher so:

Lass uns die Zeichen der Zeit verstehen. (...)
Mache uns offen für das, was die Menschen bewegt,
dass wir ihre Trauer und Angst,
ihre Freude und Hoffnung teilen
und als treue Zeuginnen und Zeugen der Frohen Botschaft mit ihnen (!) dir, Gott, entgegengehen.

Christoph Wurbs, Pfarrer i. R., Wiesbaden



Mai 2013

Der Herr ist mein Hirte

Der Herr ist mein Hirte Seit meiner Kindheit hat mich der Psalm 23 begleitet: "Der Herr ist mein Hirte." Bei dem Wort "Hirte" assoziiert man heute oft Herde und Schafe; und Schafe sind dumm.
So habe ich es nie gesehen. Bei Hirte denke ich an den guten Hirten, an den, der dem verlorenen Schaf nachgeht. Nicht weil es ihm um die Erhaltung seiner Herde geht, sondern weil es ihm um dieses eine Schaf geht, das ihm wichtig ist.
Dieses Gleichnis erzählt Jesus den Pharisäern, der Elite der Gesellschaft, als diese ihn angreifen, weil er mit Sündern und Zöllnern zu Tisch sitzt.

Der Psalmist beschreibt Gott als einen Begleiter, als einen, der mitgeht, der führt und leitet zu einer grünen Au und zu frischem Wasser ― für mich Bilder für Leben und Freiheit. Er spricht von Erquickung, also von etwas, das guttut.
Da fällt mir der Schöpfergott aus Genesis 2 ein, der den Menschen in einen Garten setzt, der köstlich und lieblich genannt wird, nicht asketisch und streng.

Auch die dunklen Seiten des Lebens spart der Psalmist nicht aus: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." Es ist gut zu wissen, dass ich nicht alleine Täler durchschreiten musste und muss, ich hatte und habe Menschen an meiner Seite, die mir Kraft und Stärke gegeben haben und geben und die mich in tiefer Trauer getröstet und aufgefangen haben - erfahrbare Liebe Gottes.

Der Psalmist schreibt weiter: "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein." Selbst wenn ich angefeindet werde, steht Gott zu mir, und der bereitete Tisch ist für mich ein Bild für Gemeinschaft, für Stärkung und auch für Zur- Ruhe-kommen. Das volle Einschenken erinnert mich an ein Leben in Fülle, das mir versprochen ist und an das ich glaube. Das Salböl steht für meine Würde. Ich bin kein hilfloses Geschöpf, ich bin wertvoll.

Und deshalb kann ich mit dem Psalmisten sagen: "Ich werde bleiben im Haus des Herrn immerdar." Das Alte Testament nennt das Haus des Herrn "Kahal", im Neuen Testament benutzt Matthäus als erster das Wort "ecclesia". Ich übersetze für mich also das Haus des Herrn mit Gemeinde, mit Kirche, an der ich manchmal verzweifeln könnte, weil theologische Spitzfindigkeiten wichtiger zu sein scheinen als Barmherzigkeit.

Ich habe in dem Buch "Psalmen der Hoffnung"1 einen Text gefunden, aus dem ich einige Zeilen zitieren möchte:

Aber eines brauche ich, und darum bitte ich den Herrn:
eine Handvoll Menschen, die meine Sicht teilen,
eine Handvoll Menschen, die immer wieder zusammenkommen,
versammelt sind in deinem Namen
und erfahren, dass du, Gott, mitten unter uns bist.
 
( Aus: Seidel, Uwe und Zils, Diethard: Psalmen der Hoffnung. Texte für jeden Tag, Schriftenmissionsverlag, Gladbeck 1973, Ps 27, S. 43)

Isolde Kraus


April 2013

Je älter ich werde . . .

Je älter ich werde, desto mehr stelle ich mir die Frage, was Älterwerden für mich ganz persönlich heißt. Die Antwort könnte so sein:

"Älter werden: "zögern mitten im Satz" - "erinnern statt sehnen" - "einen Stein, ein Glas, eine Hand länger halten als nötig" - "den Ärmel des Gegenübers beim Sprechen berühren" -"spüren, man ist noch da".

Im Jahr 2009 habe ich an der Israel-Wallfahrt mit unserem Bischof teilgenommen, und am achten Tag unserer Reise waren wir am Teich von Bethesda. Die Caritas-Teilnehmer und Teilnehmerinnen hatten die Vorbereitung für den Gottesdienst in der Anna-Kirche, die in der Nähe des Teiches Bethesda liegt, übernommen. Unser Predigttext steht bei Johannes 5.1―16. 1.
Einige Zeit später war ein Fest der Juden, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. 2 In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda. 3b.4 [] 3b.4 [] 5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. 6 Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. 8 Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre und geh! 9 Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat. 10 Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Bahre nicht tragen. 11 Er erwiderte: Der Mann, der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Bahre und geh! 12 Sie fragten ihn: Wer ist das denn, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Bahre und geh? 13 Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil sich dort eine große Menschenmenge angesammelt hatte. 14 Später traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Jetzt bist du gesund; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt. 15 Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. 16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte.
(Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift©, Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 1980)

Ein Satz dieses Textes hat mich tief beeindruckt und lässt mich seitdem kaum los: Auf die Frage Jesu "Willst du gesund werden" antwortet der Kranke: "Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt."
Vielleicht rührt die Geschichte von der Heilung des Gelähmten uns alle an, wenn wir in unserem Leben vor Entscheidungen gestanden und allzu leicht aufgegeben haben und sich Hoffnungslosigkeit breit gemacht hat, weil wir uns allein gefühlt haben.

Je älter ich werde, desto öfter stelle ich mir die Frage, wer mich begleiten wird auf meinen Wegen zum Arzt, ins Krankenhaus, in die Kirche und vor allem auf meinem letzten Weg. Persönliche Erfahrungen mit meinen Eltern und Schwiegereltern haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, dass einfach jemand da ist, der zuhört und mit einem betet.

Je älter ich werde, desto kritischer sehe ich die gesellschaftlichen Umbrüche in unseren Familien und auch in unserer Kirche. Wo bleiben die Menschen im 3., 4. und 5. Lebensalter, die allein leben. Wo bleibt jeder Einzelne von uns mit seinen religiösen Bedürfnissen?
Hier haben wir als Gesunde und vor allem als Kirche eine ganz wichtige Aufgabe an den Kranken, den Angehörigen und an den Pflegenden. Ich möchte - soweit es mir möglich ist - dafür Sorge tragen, dass keiner und auch ich nicht sagen muss: "Ich habe niemanden, der mich trägt."
Die Geschichte vom Teich von Bethesda kann aber auch Mut machen. Mut, um Heilung zu beten und Vertrauen zu haben.

Tröstlich ist für mich zu wissen, dass Leid und Krankheit nicht das letzte Wort behalten werden.

Beatrix Schlausch


März 2013

 "Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt." (Röm 8,28)

Dieses Wort aus dem Römerbrief ist mir in den letzten Monaten in einem bestimmten Gebet immer wieder begegnet und hat mich zum Nachdenken angeregt. Der Anlass war die Begleitung einer schwerkranken Frau, die sich mit ihrer Krankheit, die schließlich zum Tod führte, so auseinandersetzte, dass sie diese Situation als Willen Gottes anerkennen konnte und gestärkt und getröstet ihr Leben in die Hand Gottes gegeben hat.
Es ist zunächst ein trostvolles Wort, aber je nach Situation schwer zu verstehen.
Ich bin in Mainz geboren und war früher in der Erziehung tätig. So fiel mir in der Reflektion das bekannte Mainzer Fastnachtslied "Heile, heile, Gänsje, es is bald widder gut" ein, das auf ein altes Kinderlied zurückgreift. In diesem Sinn habe ich früher Kinder getröstet bei kleinen Unpässlichkeiten äußerer, aber auch innerer Art. Ich möchte dieses Lied und diese Weise des Trostes nicht negativ sehen, aber der Bibeltext geht viel weiter. Wer im Trösten den Blick auf die Realität wendet und so den Mitmenschen ernst nimmt, geht den Weg mit ihm mit und spendet dadurch Trost und gibt Halt, auch wenn die Situation ausweglos erscheint. Trost, der die Tatsachen verharmlost, kann Menschen verletzen statt ihnen zu helfen. Bestätigung des Leids und Betroffenheit zeigen sind gefragt - wenn möglich Hilfe geben, falls dies nicht möglich ist, zeigen, dass ich die Last mittrage.

Sehen wir uns den Text genauer an:
 - "Wir wissen", das heißt doch: Wir glauben, wir halten uns daran fest. Das gibt Kraft, auch wenn es anders kommt, als wir erhofften.
- "Dass Gott bei denen, die ihn lieben..." Den Dreiklang glauben - hoffen - lieben höre ich hier heraus. Das Höchste ist die Liebe. Über Glaube und Hoffnung kommen wir zur Liebe. Gott ist die Liebe, und "die ihn lieben", das heißt auch, die seinen Willen anerkennen und erfüllen. Denn wenn ich liebe, dann will ich alles tun, was der Geliebte möchte. Die Gottesliebe schließt die Nächstenliebe mit ein. Ohne Gott zu lieben, kann ich den Nächsten nicht lieben und umgekehrt.
- "Gott führt alles zum Guten": Die Frage stellt sich, was ist das Gute, das wir brauchen und zu dem Gott uns hinführen möchte? Wenn ich in mein Leben zurückdenke, dann erkenne ich, dass aktuell manches nicht zu verstehen war, als Wille Gottes zwar angenommen wurde, sich aber erst in der Rückschau als gut erwiesen hat. Gott weiß besser, was für uns gut ist, wenn wir es auch nicht immer gleich verstehen.

Das 8. Kapitel des Römerbriefes, dem diese Schriftstelle entnommen ist, spricht von der Hoffnung auf die Erlösung der Welt. Wir sind der Not dieser Welt nicht enthoben, haben aber jetzt schon das Heil empfangen und werden mit Christus verherrlicht werden. Wir gehen mit Christus durch Leid und Tod zur Auferstehung, das ist uns gewiss.

Zum Abschluss lasse ich Katharina Kasper, unsere Ordensgründerin, zu Wort kommen. Sie schreibt in einem ihrer Briefe: "Was von Gott kommt, ist allezeit gut, und wir beten die Vorsehung an, damit wir allezeit in der Liebe zu Gott wachsen und zunehmen können."

Sr. M. Jeanette Basch ADJC, 69 Jahre


Februar 2013

Jetzt, da ich älter bin. . .

ertappe mich dabei, dass ich zunehmend zweifle. Mein Leben - einschließlich meines Glaubens - gleicht keineswegs einem "langen ruhigen Fluss", wie der Titel eines schönen Films heißt, sondern eher einem geräuschvollen und schäumenden Gebirgsbach. Zweifeln? Sollte ich nicht im Alter gelassener und meines Glaubens gewisser werden? Beim näheren Hinschauen erkenne ich im Zweifel die Zahl "zwei". Meine Zweifel sind von der Art, dass ich manche Fragen heute eher mit einem "sowohl als auch" beantworte als mit einem "nur so und nicht anders". Ich entdecke in meinen Zweifeln Vorsicht im Urteil und Respekt vor dem Geheimnis. Vielleicht ist es das, was dem alten Sokrates nachgesagt wird: "Ich weiß, dass ich nichts weiß".

Jetzt, da ich älter werde, gefällt mir die Geschichte im Evangelium, wo einer der Jünger ganz aufgebracht zu Jesus kommt und ihm berichtet: " Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen." (Mk 9, 38-41). Der Becher Wasser ist offensichtlich mehr im Sinn Gottes als das "richtige Gesangbuch". Jesus weist immer wieder darauf hin, dass jene, die meinen, alles von Gott zu wissen, ihn in Wahrheit missbrauchen. Zweifeln - kann das nicht auch heißen: Mutig und demütig mein menschliches Nichtwissen zugeben? Vor dem Geheimnis verstummen? Ganz still werden, weil Gott der ganz andere ist.

Jetzt, da ich älter werde, fühle ich mich näher beim "ohnmächtigen" als beim "allmächtigen" Gott. Ich habe Not mit einem Gottes-, Menschen, Kirchen- und Gesellschaftsbild, das von der Welt der Mächte und Herrschaften geprägt ist. Ich frage mich, ob wir heute noch - nach einem 20. Jahrhundert, in dem nichts so sehr missbraucht wurde wie Macht und Herrschaft - wirklich von "heiliger Herrschaft" (das ist die wörtliche Übersetzung von "Hierarchie") reden können. Ist es nicht an der Zeit, das Gebot Jesu ernst zu nehmen, der es abgelehnt hat, Menschen "Meister" oder "Vater" oder "Lehrer" zu nennen?

Jetzt, da ich älter werde, zweifle ich an einem weltlich-allzu-weltlichem "Von-oben-nach-unten-Denken". Die alte soziale Herunter-Treppe von Königen über Ritter, Damen, Hofgesinde, Beamten, Bauern bis hinab zu den Knechten ist einer neuen, noch steileren gewichen: Sie geht von den Superreichen über die Reichen, die Regierenden, die Promis, die Experten, die Bürgerinnen und Bürger, die Migranten, die Arbeitslosen bis hinab zu den Obdachlosen. - Ich entdecke in Jesus einen Gott, der sich nicht mächtig, sondern ohnmächtig zeigt und der die weltliche Hierarchie durch eine göttliche Anarchie überwunden hat. Das Reich Gottes, das uns Jesus bringt, ist keineswegs eine Anarchie, in der es drunter und drüber geht, sondern eine Anarchie, in der wir Menschen uns alle auf Augenhöhe begegnen. Ja, in der wir sogar Gott auf Augenhöhe begegnen. Weil Gott nicht Macht, sondern Liebe ist.

Helmut Schlegel


Januar 2013

Jetzt, da ich älter werde, ist mir der 99-jährige Abraham wichtig,
der unter Gottes Blick und Weisung neu losgeht. "

Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der Herr und sprach zu ihm: Ich bin Gott, der Allmächtige. Geh deinen Weg vor mir und sei rechtschaffen." Gen 17,1

Geh deinen Weg ... vor mir ... sei rechtschaffen ...

Das Gehen: Mich aufrichten, aufstehen, aufrecht stehen, einen Fuß vor den andern setzen, mein Leben gehen, das macht mich, das macht mein Mensch sein aus.

Ich bin nicht aufrecht stehend geboren. Und habe als Baby alles drangesetzt mich aufzurichten, mich hochzuziehen, immer wieder. Bin dabei gestürzt, getaumelt, gefallen, habe versucht, auf meinen Beinen die Balance zu halten und dort hinzuwackeln, wo meine Eltern mich angelächelt, mit ermutigenden Worten mir die Hände entgegengestreckt haben. So habe ich vertrauend gelernt, Hände und Arme freizubekommen, sie als Balancehilfe zu gebrauchen, um meinen Körper in Bewegung zu setzen und das Unglaubliche gelernt: aufrecht zu gehen.

Was ich Jahrzehnte als Selbstverständlichkeit hingenommen habe - mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen und zu gehen - das erlebe ich jetzt, da ich älter geworden bin, ganz neu. Meinen Weg gehen, dort wo Gott mich hingestellt hat.

Zunächst ist es ganz einfach nur das tägliche Gehen als stilles wortloses Gebet, in dem ich Gott meine Zeit schenke. Die Stille beim Gehen ist mein Wegweiser.

Ich bin keine Nesthockerin, meine "Schuhe liebe ich mehr als Stühle, Bewegung mehr als Besitz", wie es Andreas Knapp in einem Gedicht formuliert. Ich laufe gern, es liegt mir, die Tageswanderung ist ein wichtiger Teil meiner Wochenplanung geworden. Dabei schmecken die knappen biblischen "Aufsteh- und Gehworte" lustvoll auf der Zunge: "Stell dich auf deine Füße ..., ich will mit dir reden" Ez 2,1 "Steh auf, iss, sonst ist der Weg zu weit für dich!" 1 Kön 19,7

Losgehen in den Tag mit dem Lied im Ohr: "Geh aus mein Herz und suche Freud ..." In entmutigenden Erlebnissen zu dem Trostwort finden: "Richtet euch auf, erhebt euer Haupt, es naht eure Erlösung." Und den weihnachtlichen Josef mögen, ohne den ich die Worte nicht kennen würde: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter ... und bleibe ..., bis ich dir etwas anders auftrage."

Mein Leben gehen, vor Gott, heute, mit 64 Jahren, das ist nicht nur mit inneren Bildern gefüllt, sondern auch mit vielen Beispielen aus meiner Arbeit als Krankenhausseelsorgerin. Die Patienten haben in mein Inneres gelegt was es bedeutet, sich - nach beschwerlichen Liegetagen im Bett - wieder aufzurichten, ein paar Schritte gehen zu dürfen und dies als geschenktes Wunder zu begreifen.

Jetzt, wo ich älter werde und meine volle Kraft nicht mehr der beruflichen Arbeit gehört, steht der 99-jährige Abraham vor mir und ich begreife dieses "Geh deinen Weg vor mir und sei rechtschaffen" als kontinuierliches Gehen, als Pilgernde, voll und ganz verbunden mit Menschen, mit der Natur, mit Lust und Einfällen neu loszugehen und etwas auf die Füße zu stellen.

Ein Gehstock sollte ich etwas wacklig geworden sein, wird mich dabei nicht hindern, sondern stützen. Der hängt bereit in meinem Schlafzimmer, ein Erbstück meiner einander in Treue liebenden Eltern. .... Meine Eltern hatten lange Zeit, bis ins hohe Alter eine gute zunehmend abgeklärte partnerschaftliche Ehe. Lange hatten sie als alte Menschen die Krankheiten, Zipperlein und Gebrechen unter Kontrolle. Eines Tages brauchte mein Vater eine Gehstütze, ein alter Gehstock wurde vom Speicher geholt und Vater war wieder beweglich. Doch dann war diese friedvolle Phase des Alters vorbei. Vater musste ins Krankenhaus. Frisch operiert, noch am Tropf hängend, begrüßte er mit schwachem Lächeln seine besorgt auf ihn herabblickenden Töchter und Söhne. Die Ärzte hatten seine letzten Tage dem Tod abgerungen. Schwach, matt und bleich lag Vater in den Kissen, die Hand auf seinem Gehstock, immer griffbereit, mitten auf seiner Bettdecke. Sein Gehstock war sein verlängerter Arm, seine Sicherheit im Ungewissen, sein Halt in gefährlicher Umgebung, er war Symbol seiner Energie, sein "Stock und sein Stab ..." Nachdem Vater gestorben war, übernahm seine Frau, meine inzwischen instabil gewordene Mutter diesen rauen, abgenutzten Holzstock. Nein, nicht der größenverstellbare, mit ergonomischem Handgriff ausgestattete Leichtmetallgehstock war ihr "Stock und Stab". Meine Mutter hielt sich an den Gehstock ihres Mannes, weil er sich daran festgehalten hatte. Mit diesem Stock überquerte sie, auf dem Weg zum Grab ihres Mannes, waghalsig verkehrsreiche Straßen, ging mit dem Kraftstock ihres Mannes, im Sterben längst bewandert, ihren eigenen Weg ins ewige Leben hinein.

Ich bin dankbar für meine Eltern, für viele andere neben mir und vor mir, die dem inneren Kompass folgen, aufstehen, gehen, getrieben von einem - schönen Wort - "gottweh", aus einem Gedicht von Andreas Knapp.

Gertrud Dott


Dezember 2012

Jetzt übe ich das Lassen

Als ich gefragt wurde, ob ich etwas schreiben möchte über eine Bibelstelle, die mir wichtig geworden ist, habe ich spontan ja gesagt. Jesu Besuch bei Marta und Maria begleitet mich seit Jahrzehnten. Als ich jung war, war mir die Erzählung ein Ärgernis. In der Einheitsübersetzung beginnt sie mit dem Satz: "Und sie zogen weiter und kamen in ein Dorf . . ." Das heißt für mich, Jesus kommt wohl unangemeldet mit seiner Reisegruppe zu Marta und Maria. Sie werden freudig begrüßt, und der nächste Gedanke von Marta ist: "Müde sehen sie aus, was koche ich denn jetzt, eine ordentliche Mahlzeit wird ihnen gut tun." Sie überdenkt ihre Vorräte, muss vielleicht die eine oder andere Zutat in der Nachbarschaft erbitten, krempelt die Ärmel hoch und packt zu. Maria sitzt derweil dem Herrn zu Füßen, ist ganz Ohr und kommt gar nicht auf die Idee, Marta zu helfen, damit diese auch Zeit findet für ihn. Als die sich beschwert bei Jesus, antwortet er: "Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen, aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere auserwählt, das soll ihr nicht genommen werden." Diese Aussage hat mich empört, aber weil ich mir Jesus nicht ungerecht vorstellen wollte, habe ich meinen eigenen Ausweg gefunden. Vermutlich hat Maria ihre tüchtige Schwester oft genug als Vorbild hingestellt bekommen, und weil Jesus barmherzig ist, zeigt er auf, dass diese eher passive Maria aber zuhören kann, und dass das auch wichtig sei. Mit diesem Ausgang war ich lange Zeit zufrieden. In jeder Familie, in jeder Gruppierung, in jeder Pfarrei gibt es Martas und Marias, die auf ihre je eigene Art gebraucht werden. Jetzt bin ich 72 Jahre alt, seit dem Tod meines Mannes lebe ich allein. Die Kinder sind längst aus dem Haus, und die Enkel werden langsam flügge. Wenn ich heute diese Bibelstelle lese, muss ich feststellen, allzu viel Marta, die mir doch so vertraut war, ist nicht mehr oft gefragt, und ich muss langsam lernen, meine Kräfte einzuteilen. Bleibt die Aussage Jesu: " . . . aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt." Maria, habe ich auch Anteil an deinem Wesen? Habe ich mich vielleicht hinter der tüchtigen Marta versteckt, weil mir zupacken leichter fiel und weil mir da Lob und Anerkennung gewiss waren? Wenn Jesus heute mit seiner Reisegesellschaft käme, würde ich dann sagen: "Maria, du hast recht, Brot und Käse habe ich im Haus, ein Kasten Wasser und ein paar Flaschen Wein sind auch im Keller, das reicht allemal. Die Zeit mit Jesus ist viel zu kostbar. Ich will mich zu ihm setzen und ganz Ohr sein, bereit, ihn ganz in mich aufzunehmen?" Das zu lernen wird eine lebenslange Aufgabe für mich bleiben: "Maria, hier brauche ich deine Hilfe."

Karin Schachl, 72 Jahre